Archive for the 'Lesekreis Das Kapital Bd. I 2014' Category

Marx-Lesekreis geht zu Ende

Beim letzten Treffen — am 3.2. — hatten wir die „ursprüngliche Akkumulation“ (Kapitel 24) diskutiert, und noch einen kurzen Rückblick gemacht: wo wir dieses Semester begonnen hatten (Kapitel 1), und welche Begriffe und Zusammenhänge wir kennengelernt hatten.

Der Lesekreis zum „Kapital Band 1“ ist damit zu Ende. Wir danken allen TeilnehmerInnen für vielen die spannenden Diskussionen und verabschieden uns für dieses Semester!

Nächstes Semester wird es wieder einen neuen Lesekreis geben, diesmal zum unserer Meinung nach hochaktuellen Thema „Linke Utopien“: wie könnte und müsste eine neue Gesellschaft aussehen, die nach dem Kapitalismus kommt?

Nähere Infos wird es wieder hier geben.

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Nächster Marx-Lesekreis 4.2., Kapitel 24.1-24.3

Nachdem wir beim letzten Treffen das „allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“ kennen gelernt haben, soll es nächste Woche mit der ursprünglichen Akkumulation weitergehen, also der gewaltsamen Herstellung des Kapitalverhältnisses zum Anfang der Neuzeit. Entgegen der bürgerlichen Wunschvorstellung und seiner Schulbücher vollzog sich die Entstehung des Kapitalismus nicht behutsam durch wirtschaftlich-technologischen Fortschritt und immer größere Vernetzung, Handel und komplexer werdende Produktion, sondern durch die blanke Gewalt der gerade neu entstandenen bürgerlichen Staaten, durch massive Landvertreibung, Rechtsbruch und Terror.

Wir besprechen die Unterabschnitte 1 bis 3 des 24. Kapitels auf den Seiten 741-768.

Nächster Marx-Lesekreis: 21.01., Kapitel 21+22.1

Beim letzten Treffen hatten wir die Kapitel 10 und 14 diskutiert, außerdem 11-13 und 15-16 kurz zusammengefasst.

Kapitel 10 führt den Begriff des relativen Mehrwerts ein: während der absolute Mehrwert einer Verlängerung des Arbeitstags entspringt, ist der relative Mehrwert eine Veränderung im Verhältnis seiner beiden Bestandteile v und m: der Gesamtarbeitstag, bestehend aus notwendiger und Mehrarbeit, bleibt konstant, aber die notwendige Arbeit sinkt, so dass die Mehrarbeit absolut und relativ wachsen kann.

Wie geschieht dies nun genau, wie kann die notwendige Arbeitszeit sinken?

Die notwendige Arbeitszeit stellt die Zeit dar, in der der Wert der zur Erhaltung des Arbeiters notwendigen Lebensmittel produziert wird. Der für sie gezahlte Arbeitslohn ist das Preisäquivalent dieser Lebensmittel. Wird der Produktionsprozess dieser Lebensmittel dahingehend verbessert, dass er für dieselbe Masse Lebensmittel weniger Zeit in Anspruch nimmt, so sinkt die für diese Lebensmittel insgesamt notwendige Arbeitszeit. Dementspechend sinkt der Wert dieser Lebensmittel, und daher kann auch der Arbeitslohn („Reallohn“) gesenkt werden, ohne dass der Arbeiter Mangel erleidet. Da der Arbeitstag dieselbe Länge behält, jetzt aber die Zeit, die der Arbeiter zur Reproduktion seines Arbeitslohns benötigt, gesunken ist, steigt entsprechend der übrige Teil, d.h., die Mehrarbeit und der Mehrwert.

Die Verbesserung der Produktionsmethoden und die beständig schnellere, mit weniger Arbeit realisierbare Produktion der Waren geht im Kapitalismus beständig vor sich. Die verschiedenen Kapitalisten streben danach, ihre Produktionsmethoden anzupassen, um den Wert ihrer Waren unter den gesellschaftlichen Durchschnittswert zu senken. Die folgende Tabelle mit den Werten aus Kapitel 10 verdeutlicht dies:

Vorher

Nachher

Wertprodukt je Arbeitsstunde

6 d

6 d

Produzierte Waren pro Arbeitstag

12 Stück

24 Stück

Wert der je Stück vernutzten Produktionsmittel

6 d

6 d

Zugesetzte Arbeitszeit je Stück

1 h

0,5 h

Zugesetzter Wert je Stück

6 d

3 d

Individueller“ Wert je Stück

12 d

9 d

Das Wertprodukt der Arbeitsstunde bleibt gleich, es werden nun aber doppelt so viele Waren je Tag hergestellt. Dementsprechend sinkt der pro Stück zugesetzte Wert, und daher der „individuelle Wert“ jeder Ware. Gesetzt dem Fall, alle anderen Kapitalisten produzieren mit der alten Produktionsmethode ihre Waren mit einem Wert von 12d pro Stück, so könnte nun der Kapitalist X, der seine Produktionsmethoden verbessert hat, seine Waren eigentlich für 9d pro Stück verkaufen – denn soviel sind sie wert. Er würde dann den gesamten vorgeschossenen Wert und den erzeugten Mehrwert erhalten, also keinen Verlust machen. Er verkauft seine Waren nun aber für 10 oder 11d, was immer noch unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt liegt – und er erhält dadurch einen Extramehrwert von 1 oder 2d, als Differenz zwischen Verkaufspreis und „individuellem Wert“. Sein Kapital wächst also schneller, zugleich kann er aufgrund des unterdurchschnittlichen Preises seinen Marktanteil ausdehnen. Die anderen Kapitalisten sind in der Konkurrenz gezwungen, mitzuziehen und ebenfalls die neuen Methoden einzuführen. Der (durchschnittliche) Wert der Waren sinkt dadurch.

Stellen diese Waren nun Waren dar, die Lebensmittel für den Arbeiter bilden, oder zur Produktion seiner Lebensmittel verwendet werden, so sinkt nun der Wert dieser zum Erhalt des Arbeiters notwendigen Lebensmittel, folglich der Tageswert der Arbeitskraft, und die oben beschriebene Anpassung des Reallohns (auch durch Inflation möglich) kann einsetzen, wodurch sich der relative Mehrwert für alle Kapitalisten erhöht. Diese bewusstlose Form, in der der einzelne aufs System wirkt, dieses dann auf ihn zurückwirkt, ist allgemein typisch für die kapitalistische Gesellschaft:

Wenn ein einzelner Kapitalist durch Steigerung der Produktivkraft der Arbeit z.B. Hemden verwohlfeilert, schwebt ihm keineswegs notwendig der Zweck vor, den Wert der Arbeitskraft und daher die notwendige Arbeitszeit pro tanto zu senken, aber nur soweit er schließlich zu diesem Resultat beiträgt, trägt er bei zur Erhöhung der allgemeinen Rate des Mehrwerts. Die allgemeinen und notwendigen Tendenzen des Kapitals sind zu unterscheiden von ihren Erscheinungsformen.“ (S. 335)

Eine kurze Anmerkung von uns dazu: Die Theorie des relativen Mehrwerts ist von enormer Bedeutung fürs Verständnis der Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Krise. Obwohl jeder einzelne Kapitalist bei der Einführung neuer Produktionsmethoden nur auf den Extramehrwert seiner Waren abzielt, treibt er damit alle anderen zur Einführung dieser Methoden, so dass gesamtgesellschafltich der Wert der Einzelware – und damit auch erstmal der in ihr enthaltene Mehrwert! – sinkt. Diese Senkung des Mehrwerts pro Einzelware kann kompensiert werden (und wurde historisch kompensiert) durch 1. Ausdehnung der Produktion. Auch wenn jede Ware z.B. nur noch halb so viel Wert und Mehrwert erhält – wenn nun doppelt so viele Waren produziert werden, hat man wieder die gleiche Masse Mehrwert. 2. ist es die Produktion des relativen Mehrwerts, die ja den Anteil des Mehrwerts am produzierten Gesamtwert der Ware (m/(m+v)) steigert. Wenn der zugesetzte Wert der Ware fällt, z.B. von 6d auf 3d (siehe Tabelle), kann der darin enthaltene Mehrwert sich dadurch trotzdem erhöhen, da die 3d jetzt mehr Mehrwert enthalten als die 6d. – Beide Kompensationsmöglichkeiten sind natürlich begrenzt. Enthielten die 6d z.B. 3d Mehrwert, so kann bei einem Fall des Warenwerts auf 2,5 d dieser neue Warenwert niemals mehr 3d Mehrwert enthalten. Auch die Ausdehnung der Produktion ist begrenzt, da sie eine Ausdehnung der Konsumtion, z.B. von Kühlschränken usw. bedingt. Die Konsumfähigkeit der Menschen ist – unter kapitalistischen Lohnverhältnissen – begrenzt. Gelingt daher die Kompensation dieses fallenden Mehrwerts je Ware nicht, so verlangsamt sicht die Mehrwertproduktion, und damit die Kapitalakkumulation. Das Kapital gerät also in eine Krise.

Die Kapitel 11, 12 und 13 beschreiben, wie das Kapital den Produktionsprozess in systematisch weiterentwickelte zur Einsparung von Arbeitszeit – und dadurch die Produktion des relativen Mehrwerts ausdehnte. Folgende Punkte sind aus unserer Sicht festzuhalten:

  1. Das Kapital strebt nach beständiger Reduktion des Warenwerts.

  2. Es beginnt mit dem Produktionsprozess, die es aus dem Feudalismus übernommen hat, entwickelt diese aber weiter: es vereinigt viele Arbeiter (Kooperation), zerlegt den Arbeitsprozess in spezialisierte Teilprozesse (Manufaktur) und lässt ihn schließlich von Maschinen ausführen, wo der Arbeiter zum Hilfsmittel der Maschine wird (Große Industrie). Dadurch steigert es zugleich den relativen Mehrwert, da der Wert der Arbeitskraft sinkt.

  3. Jeder dieser Schritte ist zugleich eine weitere Entmündigung und geistig-handwerkliche Verarmung des Arbeiters. War das Kapital in der Manufakturperiode noch abhängig vom Geschick des einzelnen Arbeiters – und seinem Wohlwollen! –, so tritt es in der Form der großen Industrie, der Maschinenproduktion, dem Arbeiter von Anfang an als selbständige Macht entgegen: es ist jetzt das Kapital, das alle produktiven Fähigkeiten vereint, alles Wissen über den Produktionsprozess, und als eigener, selbständiger Produktionsapparat da steht. Der Arbeiter kann sich nur noch in den bestehenden Produktionsprozess des Kapitals eingliedern. Marx bezeichnet daher die Große Industrie als die dem Kapital angemessene Form der stofflichen Produktion, in der es zu sich selbst kommt. Die „Aufgabe“ des Arbeiters ist hier nur noch die Verausgabung von menschlicher Arbeit in ihrer einfachsten und rohesten Form, während die stoffliche Produktion unabhängig von ihm läuft. Der Doppelcharakter der Arbeit – abstrakte und konkrete Arbeit – hat sich hier im Produktionsprozess selbst verwirklicht.

Kapitel 14 stellt den Unterschied zwischen relativem und absolutem Mehrwert nochmal dar. Kapitel 15 enthält die beiden Formeln für die Rate des Mehrwerts (= m/v) und des Profits, der den Mehrwert aufs vorgeschossene Gesamtkapital bezieht (= m/(c+v)). Kapitel 17 und unsere Zusammenfassung von 18 und 19 haben wir für’s nächste Mal aufgehoben.

Beim nächsten Treffen werden wir darüber hinaus die Kapitel 21 (Einfache Reproduktion) und 22.1 (Kapitalistischer Produktionsprozess auf erweiterter Stufenleiter) lesen. 22.2-22.5 werden wir nur kurz zusammenfassen.

Nächstes Treffen Marx-Lesekreis: 14.01., Kapitel 10+14+17

Beim letzten Treffen ging es um die drei Kapitel zum „absoluten Mehrwert“: die „Rate des Mehrwerts“ (Kapitel 7), der „Arbeitstag“ (Kapitel 8) und die „Rate und Masse des Mehrwerts“ (Kapitel 9).

Während eines Arbeitstags schafft der Arbeiter den gesamten Neuwert v+m, der Wert des konstanten Kapitals c wird nur übertragen (und fällt daher aus der Rechnung raus).

Die Rate des Mehrwerts (Kapitel 7) berzeichnet das Verhältnis der beiden neugeschaffenen Wertteile, d.h., von m/v. Diese Wertbestandteile verhalten sich so, wie die dafür aufgewandten Teile des Arbeitstags, der daher in Mehrarbeit oder Surplusarbeit (m) und notwendige Arbeit (v) zerfällt. Die Rate des Mehrwerts ist daher zugleich die Rate der Mehrarbeit, und wird von Marx daher auch als Ausbeutungs- oder Exploitationsgrad bezeichnet. Eine Mehrwertsrate z.B. von 100 % bedeutet bei einem 12stündigen Arbeitstag, dass der Arbeiter dieselbe Zeit für sich wie für den Kapitalisten arbeitet, also jeweils 6 Stunden notwendige und 6 Stunden Mehrarbeit verrichtet.

Die einzelnen Teile des Produktenwerts lassen sich in Teilen des Produkts darstellen (Kapitel 7.2), vgl. die folgende Tabelle.

Schilling

Stunden

Pfund Garn

Baumwolle

20

40

13 1/3

Spindel

4

8

2 2/3

v

3

6

2

m

3

6

2

Summe

30

60

20

An einem Tag werden z.B. 20 Pfund Garn hergestellt, und dafür sind als konstantes Kapital Baumwolle + Spindel im Wert von 20 + 4 sh. notwendig. Die 20 Pfd. Garn haben einen Wert von 30 sh. (= c + v + m), das konstante Kapital von 24 sh ist somit darstellbar in 16 Pfd. Garn. D.h., durch den Verkauf von 16 Pfd. Garn kann der Kapitalist die Rohmaterialien und Maschinen wieder beschaffen. Durch den Verkauf von 2 weiteren Pfund Garn realisiert er den in Arbeitslohn ausgelegten Teil seines Kapitals, die letzten beiden Pfund Garn gehören ihm und stellen das Mehrprodukt dar. Diese 2 Pfd. Garn haben einen Preis von 3 sh. (was dem Mehrwert entspricht), und repräsentieren 6 Arbeitsstunden (die tägliche Mehrarbeit). Es könnte nun scheinen, als ob der Arbeiter nur in der letzten Stunde, in der er die letzten 2 Pfd. Garn produziert, für den Kapitalisten arbeitet. Dem ist aber nicht so, wie Marx zeigt (Kapitel 7.3): ab der sechsten Arbeitsstunde produziert der Arbeiter nur noch Mehrwert.

Kapitel 8 und 9 waren kein Lesestoff und wurden nur kurz zusammengefasst.

Kapitel 8: Wenn die notwendige Arbeitszeit (die zur Reproduktion des variablen Kapitals v, d.h., des Arbeitslohns, notwendig ist), gegeben ist, ist jede Verlängerung des Arbeitstags über diese Grenze Mehrarbeit und produziert Mehrwert. Die durch immer weitere Ausdehnung des Arbeitstags ermöglichte Mehrwertproduktion nennt Marx die Produktion des absoluten Mehrwerts. Dass diese Ausdehnung im Interesse der Kapitalisten liegt, folgt daraus. Aus dieser Perspektive ist der historische Kampf zur Verlängerung des Arbeitstags im Zuge der Durchsetzung der kapitalistischen Produktion zu begreifen, die Marx in den Kapiteln 7.2-7.7 darstellt. Aufgrund der grauenhaften Verelendung, der hohen Sterblichkeit und der zunehmend schlechteren Gesundheit (das Militär beschwerte sich über sinkende Körpergrößen der Rekruten!) war die englische Regierung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gezwungen, den Arbeitstag zu beschränken. Die von ihr zur Überwachung der Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetze bestellten Fabrikinspektoren dokumentierten den Zustand in den englischen Fabriken und Arbeitervierteln, und Marx liefert reichlich Belegstoff aus ihren Berichten:

„Herr Broughton, ein County Magistrate, erklärte als Präsident eines Meetings, abgehalten in der Stadthalle von Nottingham, am 14. Januar 1860, daß in dem mit der Spitzenfabrikation beschäftigten Teile der städtischen Bevölkerung ein der übrigen zivilisierten Welt unbekannter Grad von Leid und Entbehrung vorherrscht … Um 2, 3, 4 Uhr des Morgens werden Kinder von 9 bis 10 Jahren ihren schmutzigen Betten entrissen und gezwungen, für die nackte Subsistenz bis 10, 11, 12 Uhr nachts zu arbeiten, während ihre Glieder wegschwinden, ihre Gestalt zusammenschrumpft, ihre Gesichtszüge abstumpfen und ihr menschliches Wesen ganz und gar in einem steinähnlichen Torpor erstarrt, dessen bloßer Anblick schauderhaft ist. Wir sind nicht überrascht, daß Herr Mallett und andre Fabrikanten auftraten, um Protest gegen jede Diskussion einzulegen […](S. 258)

Marx erinnert dabei aber daran, dass die maßlose Ausdehnung des Arbeitstags selbst erst durch drakonische staatliche Gesetze gegen die Arbeiter, verbunden mit Zwangsarbeit und Vertreibung vom Land, durchgesetzt wurden. Erst im 19. Jahrhundert gelang es dem Kapital, den Arbeitern seine eigenen Arbeitszeiten aufzuzwingen:

Es kostete Jahrhunderte, bis der „freie“ Arbeiter infolge entwickelter kapitalistischer Produktionsweise sich freiwillig dazu versteht, d.h. gesellschaftlich gezwungen ist, für den Preis seiner gewohnheitsmäßigen Lebensmittel seine ganze aktive Lebenszeit, ja seine Arbeitsfähigkeit selbst, seine Erstgeburt für ein Gericht Linsen zu verkaufen.“ (287)

Kapitel 9 schlussendlich verweist auf die Berechnung der Masse (d.h., der absoluten Größe) des Mehrwerts, im Gegensatz zu seiner bisher behandelten Rate. Da <Masse des Mehrwerts> = <variables Kapital> * <Rate des Mehrwerts> oder auch = <Anzahl der exploitierten Arbeitskräfte> * <Wert der Arbeitskraft> * <Exploitationsgrad>, ist klar, dass bei einer Senkung der Anzahl der Arbeitskräfte der Mehrwert konstant bleiben kann, wenn sich z.B. die Mehrwertrate erhöht.

Das nächste Treffen findet am 14.01. statt, mit den Kapiteln 10+14+17. Die dazwischenliegenden müssen wir auslassen, werden sie aber kurz zusammenfassen.

Nächster Marx-Lesekreis am 7.1.: Die Rate des Mehrwerts

Beim letzten Treffen ging es um die Kapitel 5 und 6: „Arbeits- und Vewertungsprozess“ und „Konstantes Kapital und variables Kapital“.

Das fünfte Kapitel ist gegliedert in die bieden Seiten Arbeits- und Verwertungsprozess. Wie Ware und Arbeit, so besitzt auch der Produktionsprozess Doppelcharakter, ist Produktion von Gebrauchswert und Wert. Bezüglich seiner einen Seite, der Bildung von Gebrauchswert, erläutert Marx einige allgemeine Bestimmungen des Arbeitsprozesses, erstmal „unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form“ (192): Arbeitsgegenstand, Rohmaterial (wenn Arbeitsgegenstand selbst Arbeitsprodukt), Arbeitsmittel. An dieser ganz abstrakten Betrachtung ist erstmal nichts spezifisch kapitalistisches, aber auch konkret beginnt die kapitalistische Produktion mit den traditionellen Werkzeugen, Arbeitsprozessen usw. Erst später verändert der Kapitalismus auch das „wie“ des Produzierens (dargestellt dann in den Kapiteln 11-13): „Die allgemeine Natur des Arbeitsprozesses ändert sich natürlich nicht dadurch, daß der Arbeiter ihn für den Kapitalisten, statt für sich selbst verrichtet. Aber auch die bestimmte Art und Weise, wie man Stiefel macht oder Garn spinnt, kann sich zunächst nicht ändern durch die Dazwischenkunft des Kapitalisten. Er muß die Arbeitskraft zunächst nehmen, wie er sie auf dem Markt vorfindet, also auch ihre Arbeit, wie sie in einer Periode entsprang, wo es noch keine Kapitalisten gab. Die Verwandlung der Produktionsweise selbst durch die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital kann sich erst später ereignen und ist daher erst später zu betrachten.“ (199)

Anders beim Verwertungsprozess, der abstrakten und sinnlich nicht fassbaren Seite der kapitalistischen Produktion. Diese stellt den eigentlichen Zweck dar, dem Kapitalisten geht es nicht um die Produktion von Gebrauchswerten: „Das Produkt – das Eigentum des Kapitalisten – ist ein Gebrauchswert, Garn, Stiefel usw. Aber obgleich Stiefel z.B. gewissermaßen die Basis des gesellschaftlichen Fortschritts bilden und unser Kapitalist ein entschiedner <201> Fortschrittsmann ist, fabriziert er die Stiefel nicht ihrer selbst wegen. Der Gebrauchswert ist überhaupt nicht das Ding qu’on aime pour lui-même <das man um seiner selbst willen liebt> in der Warenproduktion. Gebrauchswerte werden hier überhaupt nur produziert, weil und sofern sie materielles Substrat, Träger des Tauschwerts sind. Und unsrem Kapitalisten handelt es sich um zweierlei. Erstens will er einen Gebrauchswert produzieren, der einen Tauschwert hat, einen zum Verkauf bestimmten Artikel, eine Ware. Und zweitens will er eine Ware produzieren, deren Wert höher als die Wertsumme der zu ihrer Produktion erheischten Waren, der Produktionsmittel und der Arbeitskraft, für die er sein gutes Geld auf dem Warenmarkt vorschoß. Er will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert.“ (201f)

Der Kapitalist kauft auf dem Warenmarkt Rohmaterial, Maschinen, Gebäude usw., die Marx im folgenden Kapitel zusammen als konstantes Kapital bezeichnet. Sie übertragen ihren WErt aufs Produkt, der Wert der verbrauchten Baumwolle und Spinel geht in den des Garns ein.

Außerdem kauft der Kapitalist die Arbeitskraft zu ihrem Wert bzw. Preis. Dieser ist festgelegt durch die in die Reproduktion der Arbeitskraft eingehenden Lebensittel. Für die Gesamtmenge dieser Lebensmittel ist eine gewisse Arbeitszeit notwendig, welche den Wert der Lebensmittel und daher der Arbeitskraft bestimmt. Ist der Wertausdruck einer Stunde Arbeitszeit 10 €, und brauchen alle vom Arbeiter täglich konsumierten Lebensmittel zusammen 6 h zur Herstellung, so hat die Arbeitskraft einen Wert (genauer: Preis) von 60 € pro Tag.

Jeder Arbeiter müsste nun, bei rationeller Regelung der Produktion, jeden Tag 6 h arbeiten, damit die Gesamtgesellschaft sich ernähren kann. Dadurch aber entsteht kein Mehrwert. Ist der Wert der in 6 h verarbeiteten Baumwolle und der verschlissenen Spindel in Geld ausgedrückt 100 €, und arbeitete der Arbeiter nur 6 h, so wäre das Gesamtwertprodukt, in Geld ausgedrückt, 160 € – also genauso groß wie der Vorschuss des Kapitalisten, er hätte keinen Gewinn gemacht.

Es bleibt aber nicht bei den 6 h Arbeitszeit: „Unser Kapitalist hat den Kasus, der ihn lachen macht, vorgesehn. Der Arbeiter findet daher in der Werkstätte die nötigen Produktionsmittel nicht nur für einen sechsstündigen, sondern für einen zwölfstündigen Arbeitsprozeß. Saugten 10 Pfund Baumwolle 6 Arbeitsstunden ein und verwandelten sich in 10 Pfund Garn, so werden 20 Pfund Baumwolle 12 Arbeitsstunden einsaugen und in 20 Pfund Garn verwandelt.“ (208)

Rechnen wir also nochmal nach: in 12 h werden doppelt soviel Spindeln + Baumwolle verbraucht, Gesamtwert dieser in Geld ausgedrückt also 200 €. Der Arbeiter kostete nach wie vor 60 €, ob er nun 6, 10, oder 12 h arbeitet. Arbeitet er 12 h, so produziert er 120 € Neuwert. Wertvorschuss also nun 260 €, und Wertprodukt: 320 €. Differenz: 60 € – der Mehrwert. Da ist er nun endlich, der Mehrwert, um den sich der ganze Laden dreht!

Marx verweist nochmal auf die Voraussetzung dieser ganzen Analyse: die Unterscheidung zwischen konkreter und abstrakter Arbeit, Bildung von Gebrauchswert und Wertbildungsprozess: „Als Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß ist der Produktionsprozeß Produktionsprozeß von Waren; als Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß ist er kapitalistischer Produktionsprozeß, kapitalistische Form der Warenproduktion.“ (211) Vergisst man diesen Doppelcharakter, wird die ganze Angelegenheit als bloß stoffliche Produktion aufgefasst, scheint es so, als ob hier dem Arbeiter sein Produkt weggenommen würde. Tatsächlich aber erhält er den Wert seiner Arbeitskraft, es geht also mit gerechten Dingen zu.

Das sechste Kapitel ist eigentlich schon implizit vorweggenommen. Marx schreibt dort: „Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d.h. in Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital. Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. Aus einer konstanten Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital. Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital.“ (223f)

Das quantitative Verhältnis von variablem zu konstantem Kapital ist, wie sich später zeigen wird, für die kapitalistische Produktion höchst bedeutsam, denn der Mehrwert wird nur durch die Arbeiter, die mit dem variablen Kapitalteil gekauft wurden, gebildet. Halbiert sich das variable Kapital, so arbeiten statt 10 Leuten nur noch 5, statt 600 € produzieren diese aber nur noch 300 € Mehrwert (alle anderen Umstände als gleich vorausgesetzt). Mit zunehmender Entwicklung des Kapitalismus geht aber eine zunehmende Technisierung der Produktion einher, der konstante Kapitalteil erhöht sich, während der variable gleich bleibt oder sinkt. Die Folge ist das, was Marx im dritten Band als tendenziellen Fall der Profitrate bezeichnet: dass das Kapital selbst den Mehrwert relativ zum vorgeschossenen Gesamtkapital senkt, und damit auf eine Krise zusteuert.

Wir bedanken uns an der Stelle für die spannenden Diskussionen im vergangenen Jahr und wünschen allen ein paar schöne Feiertage, sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr. Wir sehen uns wieder am 7.1., wo es um Kapitel 7 („Rate des Mehrwerts“, S. 226-244) gehen wird. Wir werden dort weiterhin die Kapitel 8 + 9 kurz zusammenfassen.

Nächster Marx-Lesekreis 3.12.: Zirkulationsmittel + Geld

Beim letzten Treffen waren wir gemeinsam die Kapitel 2 „Der Austauschprozess“ und 3.1 „Maß der Werte“ durchgegangen.

Im „Austauschprozess“ geht Marx zuerst auf die sozialen und rechtlichen Verhältnisse zwischen den Menschen (den Warenbesitzern) ein, und erklärt, dass diese Verhältnisse selbst durch den „ökonomischen Inhalt“ gegeben sind: sie müssen sich als Privateigentümer und einander fremde Warenbesitzer anerkennen, gerade weil dies von der Logik des Warentauschs gefordert wird. Marx verweist darauf, dass der Warentausch die Herausbildung einer abgesonderten Geldware notwendig macht, und liefert einen kurzen logisch-historischen Abriss dazu. Ein wesentlicher Punkt in diesem Kapitel ist noch der Geldfetisch: nach Herausbildung des Geldes scheint es so, als ob das Geld es wäre, welches die unterschiedlichen Waren kommensurabel (also erst zu Waren) machen würde, tatsächlich ist es andersherum (wie die bisherige Marxsche Entwicklung zeigte): nur weil das Geld selbst eine Ware ist und einen Wert hat, kann es sich gegen Waren tauschen. In Marx‘ Worten: „Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die andren Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist. Die vermittelnde Bewegung verschwindet in ihrem eignen Resultat und läßt keine Spur zurück.“ (107)

Im ersten Unterabschnitt zum Geld behandelt Marx die Funktion desselben als Maß der Werte. Diese Funktion entspringt selbst aus der Preisform, d.h., der Darstellung des Wertes aller Waren im Körper der Geldware: „Der Wertausdruck einer Ware in Gold – x Ware A = y Geldware – ist ihre Geldform oder ihr Preis.“ (110) Der den Waren gegebene Preis verwandelt sie erstmal nur in ideelles (vorgestelltes) Geld, in reales Geld werden sie erst beim vollzogenen Verkauf verwandelt. Im Preis vereint das Geld zwei Funktionen: 1. Maß der Werte, 2. Maßstab der Preise. Maß der Werte ist das Geld, insofern alle Waren ihren Wert in der Geldware (hier erstmal immer: Gold) ausdrücken, diese daher auch ausgesondert ist. Maßstab der Preise ist das Geld, insofern bestimmte Einheiten desselben als Grundeinheiten festgesetzt werden, so dass jeder Preis ein Vielfaches dieser Grundeinheiten darstellt: x Cent, y Gramm Gold usw. Schlussendlich verweist Marx darauf, dass der Preis den Wert zwar i.d.R. ausdrückt, aber nicht mit ihm identisch ist. Der Preis ist gewissermaßen elastisch an den Wert gekoppelt, kann aber unter bestimmten Umständen auch quantitativ von ihm abweichen, oder es können sogar wertlose Dinge (in denen keine Arbeit steckt) einen Preis erhalten  (S. 117).

In der Diskussion ging es u.a. kurz um die (an dieser Stelle noch nicht beantwortbare) Frage nach dem Papiergeld, ferner darum, was es heißt, dass die zu verkaufende Ware keinen Gebrauchswert für den Besitzer, sondern nur für andere hat (S. 100).

Beim nächsten Treffen werden wir die Seiten 118-160 behandeln, bevor es endlich darum geht, was eigentlich Kapital ist.

„Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ (Anmerkungen zu Kapitel 1.4)

Mit dem bekannten „Fetischkapitel“ beendet Marx das Kapitel zur Ware. Hatte Marx bis hierher die Formen des Tauschwerts und des Geldes logisch-dialektisch aus dem Widerspruch der Ware entwickelt (ebenso wird er in den nächsten Kapiteln fortfahren), so unternimmt er hier einen Exkurs, um nochmal einen wesentlichen Aspekt aller Grundbegriffe seiner Theorie zu reflektieren: dass es sich nämlich nicht um (natur-) wissenschaftliche, positive Begriffe handelt, die also wissenschaftlich abzuhandeln wären, sondern um die negativen Begriffe einer kritischen Theorie bzw. theoretischen Kritik. D.h., mit Wert, Ware, Tauschwert und Geld erfasst Marx keine anthropologischen Grundlagen der menschlichen Existenz, sondern die Ausdrucksformen einer unfreien, sich ihrer selbst unbewussten und verkehrten Gesellschaft: des Kapitalismus, in dem die Menschen schlussendlich von den Produkten ihrer eigenen Arbeit beherrscht werden.

Weiterlesen ‚„Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ (Anmerkungen zu Kapitel 1.4)‘