Archive for the 'Lesekreis Kommunismus 2015' Category

Lesekreis „Was ist Kommunismus“ 2015 geht zu Ende

Beim letzten Treffen am vergangenen Mittwoch hatten wir die ersten drei Kapitel von Dietmar Daths „Klassenkampf im Dunkeln“ diskutiert.

Die Meinungen zum Text waren erneut durchgehend kritisch. Der Versuch Daths, den Sozialismus aus der einzigen Forderung zu begründen, dass sich niemand die Arbeitszeit eines anderen aneignen dürfte, wurde als zu kurz greifend kritisiert. Zum ersten führt sie zu der falschen Ansicht, dass der Kapitalismus schlussendlich ein persönliches Herrschafts- und (Zeit-) Diebstahlsverhältnis sei, vergisst hiermit aber die Hauptsache, nämlich das Kapital und dessen – von den Akteuren unabhängige – Akkumulationszwänge. Zum zweiten, und damit verbunden, bleibt Daths Sozialismusvorstellung schon hier offen für den historischen Realsozialismus, wo zwar die individuelle Ausbeutung abgeschafft wurde, nicht aber das Kapital (das nun staatlich verwaltet wurde). Die Arbeitenden hatten schlussendlich hier genausowenig Kontrolle über die Bedingungen ihrer Produktion und ihres Lebens.

Überhaupt bleibt Dath, und das ist ein Kernmanko seines Textes, durchgehend kritiklos gegenüber Realsozialismus („Staatssozialismus“). Dath will, zumindest in einzelnen Bereichen, die Warenproduktion fortführen. Die von ihm vorgeschlagene Berechnung individueller Arbeitszeitkonten verlangt entweder eine übergeordnete Bürokratie (die festlegt, welche Arbeit in welchem Umfang gesellschaftlich „anerkannt“ wird), oder aber man lässt diese Frage vom Markt selbst beantworten, der (nachträglich) dann „festlegt“, welche Produkte anerkannt (gekauft) werden, und welche nicht.

Weiterhin wurden folgende Punkte am Text diskutiert und kritisiert:

  • Die Behauptung Daths, das Patriarchat wäre durch Verbot der „Zeitaneignung“ und die Kontrolle durch Zeitkarten erledigt, wurde als verkürzt kritisiert. Unklar blieb uns in der Diskussion, ob „Reproduktionszeit“ (für Kindererziehung usw.) nun Arbeitszeit sein sol oder nicht (beides wäre für eine kommunistische Gesellschaft keine Lösung, weder die Subsumtion als Arbeitszeit noch die Gegenüberstellung zu dieser). Wahrscheinlich sind die unklaren Formulierungen hier Ausdruck einer Unklarheit Daths.
  • Die Notwendigkeit von Wachstum und Produktivkraftentwicklung bleibt unhinterfragt. Laut Dath war der Realsozialismus an der zu langsamen Produktivkraftentwicklung gescheitert, was dem Dathschen „Neorealsozialismus“ (wie man es bezeichnen könnte) nicht passieren soll. Offenkundig ist dieser weiterhin in strukturelle Zwänge (Weltmarkt etc.) eingebunden.
  • Daths Versuch, die Vorteile zentraler Planung mathematisch-informationstheoretisch zu beweisen wurde kritisiert. Eine solche Übertragbarkeit theoretischer Mathematik auf gesellschaftliche Angelegenheiten sei grundsätzlich nicht gegeben.

***

Damit geht der Lesekreis für dieses Semester zu Ende. Wir danken an dieser Stelle allen TeilnehmerInnen für die spannenden Diskussionen und für die eingebrachten Textvorschläge. Wir denken, dass es uns gelungen ist, tatsächlich einige Anhaltspunkte zu gewinnen, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen könnte, welche Probleme sie lösen müsste, und wie sie dies anstellen könnte. Zugleich zeigte sich, dass viele Versuche, sich eine utopische, kommunistische Gesellschaft auszumalen, an entscheidenden Punkten zu kurz griffen und nicht über das Bestehende hinausdachten.

Wir wünschen allen TeilnehmerInnen schöne Sommerferien. Im nächsten Semester wird es wieder neue Lesekreise geben – Ankündigungen wieder auf dieser Seite.

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Nächster Lesekreis 22.7.: Dietmar Dath: Klassenkampf im Dunkeln

Beim Treffen am vergangenen Mittwoch hatten wir zuerst Abdullah Öcalans „Demokratischen Konförderalismus“ diskutiert, wobei der Konsens war, dass der Text eher ernüchternd blieb:

  • Der Text lässt leider eine begriffliche Bestimmung des Staates aus (was ist der Staat? wie funktioniert er? welchen Zwängen folgt er?). Ebensowenig findet eine Bestimmung der (zusammen mit dem Staat entstandenen) modernen Demokratie statt. Schlussendlich soll der „Demokratische Konförderalismus“ mit dem kapitalistischen Nationalstaat dann doch irgendwie vereinbar sein, und lediglich das bessere, da effizientere Verwaltungsmodell darstellen.
  • Damit einhergehend wird jede Kritik der kapitalistischen Ökonomie strikt vermieden. Statt Enteignungen, Kollektivierungen und gemeinsamer Produktion (einige der Texte von den letzten Treffen hatten derartiges ja gefordert) soll alles friedlich vonstatten gehen. Dass die eine Hälfte der Menschheit (wohl auch in Kurdistan?) der anderen einen Tribut zahlen muss, um die von ihr selbst produzierten Produktionsmittel ebenso wie den Boden der Erde benutzen zu können, wird nicht thematisiert. Öcalans Gesellschaftsvorstellung beruht schlussendlich auf einer Gemeinschaft von KleinproduzentInnen, denen Staat und Kapitalismus äußerlich sein sollen (was wahrscheinlich auch für Kurdistan nicht mehr gilt). Dass das Kapital den „Demokratischen Konförderalismus“ aber nicht nur in Form von Militärbasen und Staudammprojekten bedrängt, sondern auch eine „soft power“ hat: nämlich die, durch billigere, in Massen produzierte Waren die bäuerlichen und handwerklichen Kleinproduzenten außer Konkurrenz zu setzen und sie in Schuldner, Bettler und Taglöhner zu verwandeln — dies ist mit Öcalans Gesellschaftstheorie noch nicht einmal in Worte fassbar. Hier wird die tatsächliche ökonomische und gesellschaftliche Realität leider eher ideologisch verschleiert.
  • Dass der Staat ein „der Gesellschaft“ äußerliches Ding sei, mag der Erfahrung in Kurdistan und anderen Gebieten der globalen Peripherie vielleicht ein Stückweit entsprechen, taugt aber nicht zu einer Kritik desselben, gerade nicht in den westlichen Ländern. Diese Kritik liefert schlussendlich keine progressive neue Gesellschaft, sondern eher ein Zurück zu jener Vernetzung von KleinproduzentInnen, die sich nun frei entfalten können sollen.

Zum zweiten hatten wir den Text von Annette Schlemm diskutiert, wobei Diskussionspunkte vor allem waren:

  • Stimmt es tatsächlich, dass sich in Katastrophensituationen kollektive Basisstrukturen bilden, um die Probleme zu lösen? Sind diese tatsächlich emanzipativ? (Diskutiert wurde hier mit Bezug auf das Elbehochwasser 2002 vs. Überflutung in New Orleans 2005)
  • Angesichts der absehbaren Klimakatastrophe zeigt sich, dass die ökologische Frage nicht als Nebenwiderspruch aufgefasst werden darf, der sich mit der Abschaffung des Kapitals von selbst erledigt, sondern dass die Frage einer ökologischen Bestandsfähigkeit selbst ein Kriterium und eine Messlatte darstellt, das unbedingt an jede zukünftige Gesellschaft zu stellen ist. (Hierzu bestand Einigkeit.)
  • Eine längere (und kontroverse) Diskussion gab es bezüglich der Frage, was von Commons und den auf 3D-Druckern und anderer Technologie beruhenden Visionen einer Überwindung des Kapitalismus durch Überwindung der (konkreten) Arbeit zu halten sei.

Beim nächsten Mal lesen wir das erste Kapitel aus dem Buch von Diethmar Dath: Klassenkampf im Dunkeln. 13 sozialistische Übungen. Im ersten Kapitel legt Dath seine Vorstellung vom Sozialismus dar.

Außerdem würden wir gern beim nächsten Mal eine kleine Abschlussdiskussion machen, und bitten darum, die besprochenen Texte (z.B. anhand der Berichte hier auf dem Blog) nochmal Revue passieren zu lassen und die Frage zu stellen: was kann man jeweils daraus lernen, was taugt zum Mitnehmen, was passt nicht?

Nächster Lesekreis 15.7.: Demokratischer Konförderalismus + Schönwetterutopien im Crashtest

Beim letzten Treffen hatten wir einen Ausschnitt aus Slavoj Žižek Buch „Auf verlorenem Posten“ gelesen. Darin begründet er, dass ein Rätemodell allein nicht ausreichend sei zur Organisation der Gesellschaft, sondern es immer eine vom unmittelbaren Willen der Gesellschaftsmitglieder unabhängige, repräsentative parlamentarische Regierung und einen Staat bräuchte. Eine reine Räteorganisation der Gesellschaft dagegen verstärke die Differenzen zwischen den rätemäßig organisierten Berufsgruppe und wäre nicht in der Lage, die Komplexität der Gesellschaft zu kontrollieren. Darüber hinaus widmete sich der Text weiteren Punkten, z.B. der Neubestimmung der Diktatur des Proletariats.

Die Diskussion war sehr kontrovers und drehte sich vor allem um folgende Fragen:

  • Sind Entfremdung, Repräsentanz und demokratischer Parlamentarismus wirklich notwendig, wie Žižek behauptet?

  • Sind die Bewohner der globalen Slums und Favelas das neue „revolutionäre Subjekt“, da sie nichts zu verlieren haben und außerhalb der Gesellschaft stehen, oder sind sie tatsächlich integriert (Denkformen, Warenverkehr, Geschlechterverhältnis, Rassismus)?

  • Was ist mit Žižeks Lob des Chavez-Regimes (Venezuela): ist dies die Diktatur des Proletariats (also nach Žižek eine Regierung, die sich nicht allein auf Wahlen, sondern auf die Repräsentation der Interessen der Mittellosen stützt und sich dadurch legitimiert), oder ist es bloß ein kapitalistisches Regime, das sich durch Almosen an die ärmsten Gesellschaftsschichten an der Macht hält?

Für das nächste Mal haben wir beschlossen, etwas zum (in letzter Zeit oft zitierten) Konzept des „Demokratischen Konförderalismus“ zu lesen. Wir lesen und diskutieren daher aus Abdullah Öcalans Buch „Demokratischer Konförderalismus“ die Seiten 21-33 (PDF online hier). Da das recht kurz ist, schlagen wir zusätzlich noch den Text von Annette Schlemm, „Crashtest für Schönwetterutopien“ vor (wird noch per Email verschickt).

Beim übernächsten (und letzten) Treffen lesen wir dann einen Ausschnitt von Dietmar Daths „Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen“ (wird ebenfalls noch verschickt), außerdem wollen wir in einer kurzen Abschlussdiskussion die Texte nochmal durchgehen und auf ihre Brauchbarkeit abklopfen.

Nächster Lesekreis: 17.06.: Heinrich Laufenberg/Otto Rühle

Beim letzten treffen hatten wir einige Auszüge aus dem Anarchist FAQ zur Frage, wie eine anarchistische Gesellschaft aussehen würde, gelesen. Von Interesse war, dass hier sehr detaillierte Argumente auch zur Lösung der schwierigeren Fragen versucht werden (u.a.: was ist mit Leuten, die sich nicht an der Produktion beteiligen wollen? Was ist mit VerbrecherInnen?)

Die AutorInnen des FAQ gehen bei diesen Fragen, richtigerweise, stets davon aus, dass durch die grundsätzliche Veränderung der gesellschaftlichen Produktion (Reduktion der Arbeitszeit; Kooperation statt Konkurrenz; Ausgestaltung der Arbeitsplätze durch die Arbeitenden) die Produktion ihren tristen, sinnentleerten und abstumpfenden Charakter verliert. Sie zeigen aber auch, dass es für die verbliebenen unliebsamen Tätigkeiten genug Lösungsansätze gäbe (Rotation, Zeitkarten etc.), so dass die anarchistische Gesellschaft kaum daran scheitern sollte, dass sich niemand findet, um den Müll einzusammeln…

Hervorzuheben ist, dass sie explizit die frage diskutieren, was mit Leuten wird, die sich nicht an der gesellschaftlichen Organisation in Syndikaten, Kommunen etc. beteiligen. Diesen soll tatsächlich jede Freiheit dazu gegeben werden, und sie sollen von der Gesellschaft die notwendigen Produktionsmittel erhalten und in die Lage versetzt werden, auch außerhalb der Kommunen für sich sorgen zu können (natürlich unter den damit einhergehenden – aber ja selbstgewählten – schwierigeren Bedingungen).

Diskussionen gab es u.a. zu folgenden Punkten:

  • Greift eine derartig ausgemalte Utopie nicht zu kurz, insofern sie die Notwendigkeit zur Abschaffung des Todes (siehe letzter Text) nciht angeht? Ist die geforderte Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die Vorderung nach einer sinnvollen, die Kreativität der Leute mit einspannenden Tätigkeit nicht bloß ein besonders perfider Arbeitsfetisch? (Zu beiden Punkten gab es auch entschiedene Gegenmeinungen.)
  • Hat die anarchistische Utopie nicht auch in ihrer „anarcho-kommunistischen“ Variante eine Lücke beim Verkehr der Syndikate/Kommunen untereinander, wo dann doch wieder der Austausch über’s Geld ins Spiel kommen würde? Fehlt hier nicht eine alternative Organisationsform, die gesamtgesellschaftliche, aktuell vom Staat besetzte Ebene neu besetzt?

Beim nächsten Treffen lesen wir, vielleicht etwas un-utopisch, zwei Texte zur deutschen Novemberrevolution. Einmal von Heinrich Laufenberg (Vorsitzender des Hamburger Arbeiterrats): „Die Räteidee in der Praxis des Hamburger Arbeiterrats“, und zum zweiten einen Auszug aus Otto Rühles „Baupläne für eine neue Gesellschaft“, namentlich den Abschnitt „Utopie als Stümperei“, der die Geschichte vom Scheitern der von der SPD einberufenen „Reichssozialisierungskommission“ erzählt. Beide Texte sind aus unserer Sicht deshalb von großer Wichtigkeit, weil sie aufzeigen, mit welchen Hindernissen und auch welchen Gegenargumenten der Versuch einer tatsächlichen Umsetzung einer anderen Gesellschaft, selbst unter scheinbar besten Voraussetzungen, zu kämpfen hat.

Nächster Lesekreis: 10.06.: The Anarchist FAQ

Beim Treffen am letzten Mittwoch hatten wir das Gespräch zwischen Ernst Bloch und Theodor W. Adorno („Etwas fehlt“) diskutiert. Die Diskussion entspann sich bei der von ihnen aufgeworfenen Forderung nach der Überwindung nicht nur unserer heutigen Begriffe, sondern auch dessen, was diese real bezeichnen, was im Gespräch explizit am Begriff des Todes erörtert wude. Die Forderung und das Einklagen auch nur der Möglichkeit, dass der Tod abgeschafft würde, löst – so Adorno – starke Abwehrreaktionen aus, die mit allerlei Gründen die Unmöglichkeit dieses Unterfangens nachweisen wollen. Dabei wäre diese Forderung notwendiger Teil jeder Utopie.

Hierbei wurde in der Diskussion eingewandt, dass sich hinter derartigen Forderungen tatsächlich ganz banale und einfach umsetzbare Umgestaltungen verbergen: die Allgegenwart des Todes in der kapitalistischen Gesellschaft, versinnbildlicht durch die Metapher des verzweifelt und ohne Hoffnung auf Rettung mitten in einem randlosen Ozean schwimmenden Menschen, würde z.B. schon dadurch gebrochen, dass die beständige Angst vor der eigenen Überflüssigkeit und dem eigenen Versagen, die im Kapitalismus mit sozialer und physischer Vernichtung bestraft werden, in einer anderen Gesellschaft wegfallen würden. Hiergegen wurde eingewandt, dass diese Forderungen nach einer grundsätzlichen Abschaffung der Kategorien eine notwendige Anforderung an jede Utopie seien, vor der die bisherigen Versuche allesamt zurückblieben, welche daher nur das Bestehende fortschrieben.

Die weitere Diskussion zweigte dann ab zur Frage nach Möglichkeiten zur individuellen Handlung und Veränderung im Bestehenden und dessen Grenzen. Konsens war hier offenbar, dass derartige Sachen Wirkung haben können, aber mit dem notwendigen qualitativen Sprung in eine andere Gesellschaft nichts zu tun haben. Man kann z.B. Fair Trade nicht einfach verlängern oder universalisieren, und hätte dann eine andere Gesellschaft. Angemerkt wurde hierbei, dass gerade Fair Trade und andere Wir-helfen-der-Welt-Konzepte unfreiwillig rassistische Stereotypen reproduzieren und vor allem Feel-good-Waren für die weiße Mittelschicht seien, die nun großzügig für Afrika spende. Eine tatsächliche Kritik am Rassismus und den Gründen für diese Spaltung der würde dadurch gerade ausgespart.

Einige wesentliche Punkte des Textes sind bei der Diskussion leider zu kurz gekommen, u.a. die Frage nach dem „Bilderverbot“ und dem Anspruch an jede Utopie, sich dreist über das als machbar vorstellbare hinwegzusetzen. Dies kann vielleicht in den nächsten Treffen mit eingeflochten werden.

Beim Treffen diese Woche lesen wir einige Ausschnitte aus dem „Anarchist FAQ“ zur neuen Gesellschaft. Diese wurden bereits per Email rumgeschickt. Wer keine Email bekommen hat bzw. noch dazustoßen will: bitte per Mail melden (siehe „Kontakt“).

Nächster Lesekreis Kommunismus: 3.6. Bloch/Adorno: „Etwas fehlt“

Beim letzten Treffen hatten wir einige Ausschnitte des Textes von Cornelius Castoriadis gelesen. Wir hatten den Text ausgewählt, da er im Gegensatz zu den bisherigen die Frage der gesamtgesellschaftlichen Organisation explizit beantwortet – als gestaffeltes System von Arbeiterräten, in denen die Beteiligten und Betroffenen über sämtliche Fragen ihrer gesellschaftlichen Produktion und ihres gesellschaftlichen Lebens entscheiden. Während die „Staats“-Frage bei den bisherigen Texten unterbelichtet blieb, wäre damit eine Organisationsform dargestellt, die den Staat tatsächlich überflüssig macht.

Die Diskussion drehte sich um zwei Fragestellungen:

  • Was ist mit den ExpertInnen, die heute über die meisten gesellschaftlichen Fragen entscheiden? Ist ihre Entmachtung zugunsten „aller Betroffenen“ nicht ein Rückschritt? – Dagegen wurde eingewandt, dass nichts dagegen spricht, dass sich auch die Räte von ExpertInnen beraten lassen, ohne aber sich von diesen entmündigen zu lassen. Darüber hinaus wurde angemerkt, dass jeder Versuch, den Räten und ihren Entscheidungen eine Instanz der „Vernunft“ vorzuschalten, schlussendlich nur auf die Wiedererrichtung des Staates hinauslaufen kann.
  • An den Ausführungen von Castoriadis über den „Inhalt des Sozialismus“ wurden mehrere Punkte angemerkt, die aus heutiger Sicht grundsätzlich zu kritisieren und zu überarbeiten sind: u.a. seine Auslassung der Reproduktion/“Hausarbeit“, die Zentrierung des gesellschaftlichen Lebens auf die Fabrik, die allgemeine Bewaffnung. (Worüber anscheinend Konsens herrschte.) Dabei ist allerdings zu beachten, dass damit nicht die grundlegende Gesellschaftsorganisation durch die Räte kritisiert ist, sondern allein die inhaltliche Vision von Castoriadis. Diese besitzt gerade den Vorteil, dass sie nicht an Castoriadis‘ (oder unsere!) Beschränkungen gebunden ist, sondern vielleicht die einzige Form ist, in der gesellschaftliche Probleme (wie z.B. die Ernährungssicherung) zugunsten aller gelöst werden können.

Beim nächsten Mal bleiben wir in derselben Epoche, aber aus einer anderen Richtung: wir lesen ein Gespräch mit Ernst Bloch und Theodor Adorno „Etwas fehlt. Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht.“

Achtung, wir treffen uns wegen der Pfingstferien diese Woche erst am übernächsten Mittwoch, den 3.6. wieder. Wer den Text nicht per Mail bekommen hat bzw. noch dazukommen will, bitte uns eine Email schreiben (siehe „Kontakt“).

Nächstes Treffen Kommunismus-Lesekreis 20.05.2015: Cornelius Castoriadis

Bei unserem letzten Treffen hatten wir zwei feministische Texte diskutiert: 1. einen Ausschnitt aus dem Buch „Die Krise der sozialen Reproduktion“, 2. die „4-in-1-Perspektive“ von Frigga Haug.

Bezüglich der „Krise der sozialen Reproduktion“ war uns der Anspruch, nicht nur die Produktion, sondern auch die Reproduktion umzuwälzen, ein wichtiger Anstoß:

Ein Großteil der kommunistischen Zukunftsvisionen beschäftigt sich damit, wie eine Produktion aussehen soll, die nicht mehr kapitalistisch organisiert ist. Ihre Kritik an der derzeitigen Gesellschaft konzentriert sich meistens auf die Bedingungen der Produktion, die Lohnarbeit und die damit verbundene Ausbeutung der Arbeitskraft. Ziel und Utopie ist hierbei, dass die Produktion nicht an der Kapitalproduktion ausgerichtet ist, sondern an den Bedürfnissen der Menschen. Das halten wir für durchaus richtig und unterstützenswert. Aus queer-feministischer Perspektive reicht es jedoch nicht, lediglich über die Gestaltung der Produktion nachzudenken. In unseren utopischen Vorstellungen könnte in einer post-kapitalistischen Gesellschaft die Zeit, die Menschen auf Tätigkeiten aufwenden müssen, die wir heute der Produktion zurechnen, gering sein. Vielleicht werden Menschen sich vor allem Betätigungen widmen, die wir heute als „reproduktive Arbeiten“ bezeichnen: Arbeiten der Pflege, der Sorge und des „Füreinander-da-Seins“.“ (S. 73f)

Die dafür vorgelegten Konzepte blieben allerdings bei einer Aneinanderreihung aktuell modischer Programme (Commons, Grundeinkommen, (Hausarbeits-) Streik) stehen, die, wie wir fanden, zu kurz griffen. Insbesondere fehlte ein Begriff und eine tatsächliche Kritik des Staates, der als bloßes Kräfteverhältnis gefasst wurde. Dass der Staat, als entfremdete organisierte Macht der Gesellschaft über sich selbst, ein modernes Phänomen darstellt, wäre wichtig, um nicht zu vergessen, dass auch eine kommunistische Gesellschaft eine gesamtgesellschaftliche Vernetzung braucht, nicht auf der Ebene des Austausches einzelner Kommunen stehenbleiben kann. Nichtsdestotrotz bewegten sich die Lösungsvorschläge schon im Rahmen von „solidarische[n] und kollektiv verhandelte[n] Projekte[n]“ (S. 67), was eine grundlegende Voraussetzung für die Tragbarkeit von kommunistischen Zukunftsvisionen überhaupt ja ist.

Da im Text auf die „4-in-1-Perspektive“ von Frigga Haug verwiesen wurde, hatten wir diese kurzerhand noch in die Lektüre und Debatte einbezogen gehabt. Richtig schien uns wieder das Beharren auf einer Betrachtung nicht nur der „Produktions“-, sondern auch der „Reproduktions“-Frage, die hier aber – so war die allgemeine Ansicht – sehr mechanistisch blieb. Nach Frigga Haug teilt sich die menschliche Existenz in vier Bereiche ein, nämlich

  1. Arbeit, materielle Produktion

  2. Reproduktions- und Gefühlsarbeit

  3. Zeit zur eigenen Weiterbildung

  4. Zeit für Politik und Gestaltung der Gesellschaft

So richtig es ist, dass im Kapitalismus „1.“ danach strebt, sämtliche Zeit an sich zu reißen, so reicht es unserer Ansicht nach nicht aus, einfach eine gleiche Aufteilung dieser Zeitbereiche zu fordern (noch dazu nach der Formel: täglich verfügbare Zeit = 16 Stunden, dividiert durch vier Bereiche, macht 4 Stunden je Bereich). Schließlich ginge es um eine Umgestaltung von Produktion und Reproduktion (und auch der Politik). Hieran entspann sich eine längere Diskussion, ob im Kommunismus die Produktionszeit einfach aufs Minimum schrumpft, aber die Tätigkeit inhaltlich gleich bleibt (sprich: automatisierte Massenproduktion, aber halt nur 1 h am Tag), oder aber tendenziell danach zu streben ist, die Trennung dieser Bereiche selbst aufzuheben. Darüber hinaus wurde die Frage debattiert, wie es sich mit Tätigkeiten verhält, die eine lange Ausbildung brauchen, z.B. Ärzte, für welche eine gewisse Spezialisierung, zusammen mit entsprechend höherem Zeitaufwand, wohl unabdingbar wäre. Eine abschließende Klärung dieser Fragen gab es allerdings nicht.

Beim nächsten Mal werden wir den „Inhalt des Sozialismus“ des griechisch-französischen Kommunisten Cornelius Castoriadis besprechen. Wie immer gilt: wer den Text nicht gekriegt hat, oder noch einsteigen will: bitte Email an uns, siehe Kontakt.